Mit der fortschreitenden Digitalisierung sind sämtliche Lebensbereiche betroffen. Dies beginnt mit der Wirtschaft, geht über die Bildung, betrifft die öffentlichen Verwaltungen und auch immer mehr Privatpersonen. Vor allem Rentner, die die digitale Zukunft nicht mehr so im Blick haben, stehen vor grossen Herausforderungen. Daher gewinnt der Begriff der digitalen Souveränität zunehmend an Bedeutung. Grundsätzlich geht es bei dem Begriff um die Fähigkeit von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen, die Kontrolle über ihre eigenen Daten, digitale Infrastrukturen und Technologien zu behalten. Man möchte in den unsicheren Zeiten politischer Verwerfungen und Kriegen nicht von externen Akteuren abhängig sein. Diesen Abhängigkeiten, auch bei der Cybersicherheit, möchte man immer mehr entgegenwirken. Besonders in der Europäischen Union, aber auch in der Schweiz, wird die digitale Souveränität als strategisches Ziel verstanden, um die Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit in einer immer stärker vernetzten Welt zu sichern. Obwohl hier schon vor über 10 Jahren mit der Stärkung der digitalen Unabhängigkeit begonnen wurde, ist leider bisher erschreckend wenig passiert und man macht sich immer abhängiger von grossen ausländischen Tech-Konzernen.
Was bedeutet digitale Souveränität?
Der Begriff „Digitale Souveränität“ ist nicht einheitlich definiert. Im Allgemeinen versteht man darunter die Fähigkeit und das Recht von Individuen, Organisationen oder Staaten, digitale Technologien und Daten selbstbestimmt, sicher und unabhängig zu nutzen und zu kontrollieren.
Die digitale Souveränität umfasst primär drei Bereiche:
- Technologische Souveränität: Die Fähigkeit, kritische Infrastrukturen und Schlüsseltechnologien selbst zu entwickeln, zu betreiben oder zumindest unabhängig einzusetzen. Dadurch kann die heimische Entwicklung und Innovation gefördert werden. Darüber hinaus kann sichergestellt werden, dass man nicht ausschliesslich von ausländischen Anbietern abhängig ist.
- Daten-Souveränität: Die Kontrolle darüber zu haben, wo und wie Daten gespeichert, verarbeitet und gemanagt werden.
- Politische Souveränität: Die rechtliche Rahmenbedingungen für den digitalen Raum zu setzen, um eigenständig zu handeln und Vorgaben durchzusetzen.
Das Ziel ist hierbei, dass die Kontrolle, die entsprechende Kompetenz (Knowhow) und Unabhängigkeit in der digitalen Welt zu bewahren und vor allem gezielt aufzubauen. Dies ist eine Herausforderung, der sich die Schweiz, EU und andere Länder angesichts der Dominanz internationaler Tech-Konzerne stellen muss.
Die Marktmacht grosser amerikanischer Tech-Giganten
Vor allem US-amerikanische Unternehmen wie Microsoft, Google, Amazon und Apple haben den globalen Markt für digitale Dienste, Cloud-Infrastrukturen und auch Client-Betriebssysteme fest in ihrer Hand. Microsoft spielt dabei eine besonders zentrale Rolle:
- Microsoft Windows ist mit weitem Abstand das meistgenutzte Betriebssystem in europäischen Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen.
- Die Cloud-Plattform Azure zählt neben Amazon Web Services (AWS) und die Google Cloud zu den führenden Anbietern für Cloud-Dienste in Europa.
- Mit eigenen KI-Lösungen wie Copilot und Partnerschaften mit OpenAI drängt Microsoft mit aller Gewalt in den Bereich der künstlichen Intelligenz. Dank ihrer Microsoft365-Plattform können sie dies einfach forcieren und bestimmen den Markt.
Diese angesprochenen Monopolstellung führt dazu, dass ein Teil Schweizer und europäischer Daten auf Servern ausserhalb Europas gespeichert wird, insbesondere in den USA. Ein weiterer Teil liegt zwar geografisch auf Servern innerhalb Europas, die aber im Besitz dieser amerikanischen Firmen sind. Die Kontrolle über diesem Datenraum liegt daher oft nicht in europäischer Hand. Auch Regularien wie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) stossen hier an ihre Grenzen, da sie außerhalb des EU-Raums nur eingeschränkt durchsetzbar sind. Der Cloud Act der USA hat erst kürzlich in Frankreich die Grenzen aufgezeigt. Der französische Senat befragte dazu im Juni 2025 den hochrangigen Microsoft Mitarbeiter Anton Carniaux, der unter Eid zugeben musste, dass er nicht garantieren könne, dass Daten aufgrund einer Anordnung der US-Regierung niemals weitergebene werden, ohne die ausdrückliche Zustimmung der französischen Behörden. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass das auch ohne das Wissen der betroffenen Partei geschehen könnte.
Herausforderungen für die Schweiz und die EU
Die Europäer stehen vor mehreren Problemen:
- Technologische Abhängigkeit: Unternehmen, aber auch Verwaltungen sind oft von den Dienstleistungen und Produkten amerikanischer Konzerne abhängig. Dies betrifft aber nicht nur die Software und Cloud-Dienste, sondern zunehmend auch viele KI-Anwendungen. Auch im Bereich Hardware hinkt Europa meilenweit hinterher. Ebenso besitzen die Europäer keine Plattformen für soziale Medien. Diese sind ausschliesslich in der Hand der USA oder Chinas.
- Datenhoheit: Die Speicherung und Verarbeitung sensibler Daten auf Servern ausserhalb der EU wirft Fragen nach Datenschutz, Datensicherheit und Kontrolle auf. Der bereits erwähnte Cloud Act verpflichtet amerikanische Unternehmen dazu, Behörden unter bestimmten Umständen Zugriff auf gespeicherte Daten zu gewähren, selbst wenn diese auf Servern in Europa liegen.
- Innovationsrückstand: Im Vergleich zu den USA oder China sind die Bemühungen eher bescheiden. Es wird wenig investiert, um den Rückstand in den digitalen Technologien zu verringern. Trotz vieler Initiativen gelingt es europäischen Anbietern bisher kaum, ernsthafte Alternativen zu globalen Marktführern zu bieten. Die Investitionen in die Forschung, Entwicklung und die Infrastruktur fallen im Vergleich zu den Tech-Giganten in der Regel gering aus, da die Investitionsbereitschaft in Europa anderen Vorstellungen entspricht. In einem globalen Markt ist dies jedoch schnell zu ändern und bedarf die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen.
- Fragmentierung: Unterschiedliche nationale Interessen und Strategievorstellungen innerhalb der EU erschweren und verzögern die Entwicklung gemeinsamer Lösungen. Die Schwerfälligkeit beschleunigt daher den Abstand zu den Marktführern.
Initiativen und Lösungsansätze
Um die digitale Souveränität zu stärken, setzt die EU auf verschiedene Initiativen:
- GAIA-X: Ein europäisches Projekt für eine gemeinsame Dateninfrastruktur, das mehr Transparenz, eine höhere IT-Sicherheit und Datensouveränität schaffen soll. Hier sollen Alternativen zu US-Cloudanbietern geschaffen werden.
- Förderung europäischer Cloud- und KI-Anbieter: Mehr Investitionen in Forschung und Startups sollen dazu beitragen, eine gewisse technologische Unabhängigkeit zu erreichen und offene Standards zu schaffen. Gerade jetzt stehen die Zeichen gut, um Forscher nach Europa zu locken.
- Striktere Regulierung: Mit Gesetzen wie dem Digital Markets Act (DMA) will die EU die Marktmacht grosser Big Tech Konzerne begrenzen und fairen Wettbewerb fördern.
Das Problem wurde oben schon beschrieben. Aufgrund vieler Eigeninteressen kommen die Projekte nicht so vorwärts wie erhofft und eine Autarkie kann so nicht erreicht werden. Auch Kompromisslösungen bei Handelsabkommen und dergleichen schwächen das konsequente Voranschreiten bei der Digitalstrategie.
Selbstbestimmung und Eigenverantwortung
Wie kann man selbst darauf Einfluss nehmen? Der Souveränitätsbegriff sagt nicht, dass ich alles selbst machen muss und oft einfach auch nicht kann. Dafür ist die Technologie heute viel zu komplex und man kann sich nicht in allen Bereichen Knowhow aufbauen. Auch passiert ein Wandel nicht von heute auf morgen. Und man muss ein wenig Pioniergeist mitbringen und Rückschläge einstecken können. Man sollte ein wenig ein Idealist sein. Mit gezielten Massnahmen kann man einiges erreichen und so unabhängiger von einzelnen Anbietern werden.
Welche Massnahmen bei der Nutzung digitaler Technologien ermöglichen ein souveränes Handeln:
- Einsatz von Open Source Software: bei Office-Applikationen, Betriebssystemen und anderer Business relevanter Software
- gezielte Auswahl beim Anbieter der IT-Infrastruktur: möglichst auf lokale Lieferanten setzen, die ebenfalls auf die Förderung der digitalen Souveränität setzen und eigene unabhängige Rechenzentren betreiben.
- Medienkompetenz erlangen und so den Datenmissbrauch einschränken
- Die Diskussion um digitale Souveränität mit anderen suchen und das Bewusstsein für den Einsatz von lokalen oder europäischen Produkten und Dienstleistungen zu stärken.
Was wir nicht tun dürfen ist aus Bequemlichkeit weiterhin im digitalen Bereich auf die Big Data und Big Tech Unternehmen zu setzen. Sie verfolgen ihr eigenes politisches Ziel und untergaben den Verbraucherschutz.
Fazit
Die Stärkung der digitalen Souveränität ist für Europa eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Der derzeitige Zustand ist geprägt von Abhängigkeiten zu wenigen US-amerikanischen Technologiegiganten und birgt erhebliche Risiken für den Datenschutz, der wirtschaftlichen Sicherheit und politischer Autonomie. Die Schweiz, aber auch ganz Europa muss deshalb die eigenen Kompetenzen stärken, gut zusammenarbeiten und konsequent in Schlüsseltechnologien investieren.
Nur so kann sichergestellt werden, dass der europäische Kontinent im digitalen Zeitalter nicht zum reinen Konsumenten fremder Technologien wird. Auch wenn die Swiss Data Alliance, ETHs eigenes und quelloffenes LLM, Frankreichs und Europas AI-Initiative gute Ansätze sind, sind Nutzerinnen und Nutzer in vielen Bereichen nach wie vor abhängig von den grossen Playern aus Übersee. Die digitale Souveränität ist kein Selbstzweck, sondern Grundvoraussetzung für Freiheit, Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit in einer vernetzten Welt.

