Klumpenrisiko bei der Lieferantenwahl: Eine einzelne grosse Säule mit Riss im Vergleich zu mehreren kleinen, stabilen Säulen

Klumpenrisiko Lieferantenwahl: Warum digitale Abhängigkeit zum Geschäftsrisiko wird

Bei der Kundenbasis wird in den meisten Firmen sorgfältig diversifiziert. Niemand möchte von wenigen Grosskunden abhängig sein. Fällt einer davon weg, zum Beispiel in einer Rezession, soll das Geschäft nicht gleich ins Wanken geraten.

Bei der Wahl der Lieferanten gilt diese Logik in der Praxis oft nicht. Viele Firmen konzentrieren sich auf einen einzigen, grossen Anbieter und nehmen damit ein Klumpenrisiko in Kauf, das sie bei der eigenen Kundenbasis niemals akzeptieren würden.

Wenn ein Anbieter alles ist

Bei Microsoft 365 ist das ein verbreitetes Muster. Office, E-Mail, das ERP-System und mitunter sogar der Webshop laufen über denselben Anbieter. Das ist bequem, solange alles funktioniert.

Fällt diese eine Verbindung jedoch weg, steht potenziell ein erheblicher Teil des Geschäftsbetriebs still. Im schlechtesten Fall sogar alles gleichzeitig.

Zwei Risiken, die oft vermischt werden

Wenn von „Ausfall“ gesprochen wird, denken die meisten an technische Störungen. Diese sind ärgerlich, aber meistens auf Minuten oder wenige Stunden begrenzt. Das System läuft wieder, der Schaden bleibt überschaubar.

Deutlich gravierender ist der zweite Fall: der mutwillige Entzug des Zugangs. Eine Account-Sperrung, ein entzogenes Lizenzpaket oder eine Kontoschliessung aus Compliance- oder Sanktionsgründen.

Wir haben einen solchen Fall selbst begleitet, bei dem ein Kundenkonto ohne Vorwarnung gesperrt wurde. Aus Rücksicht auf den Kunden und aus Datenschutzgründen können wir die Details dazu nicht offenlegen. Was wir aber sagen können: Der Zugang zu sämtlichen Daten und Diensten war von einem Moment auf den anderen weg, ohne dass eine technische Ursache vorlag. Genau das ist der Kern des Klumpenrisikos. Es geht nicht primär um Verfügbarkeit, sondern um die Abhängigkeit von der Entscheidung eines einzelnen Anbieters.

Wenn dann auch noch das Backup fehlt

Ein vorübergehender Ausfall lässt sich verschmerzen. Schwierig wird es, wenn zusätzlich kein zuverlässiges Backup der eigenen Daten existiert, unabhängig vom betroffenen Anbieter.

Dann muss innert kurzer Zeit eine komplett neue Umgebung aufgesetzt werden. Daten müssen migriert werden, sofern sie überhaupt noch zugänglich sind. Mitarbeitende müssen auf neue Systeme umgeschult werden. Das ist stark vereinfacht ausgedrückt und bindet in der Realität enorme Ressourcen im gesamten Unternehmen.

Der Pendel-Effekt: Zurück zu Private Cloud und On-Premise

Über mehrere Jahre ging der Trend klar in eine Richtung: weg von eigener Infrastruktur, hin zur Public Cloud. Zentrale, grosse Anbieter, alles aus einer Hand.

Mittlerweile zeigt sich eine Gegenbewegung. Immer mehr Firmen setzen wieder vermehrt auf On-Premise-Lösungen oder eine Private Cloud. Nicht aus Nostalgie, sondern aus genau diesem Grund: Die Kontrolle über die eigenen Daten und Systeme soll nicht vollständig in den Händen eines einzigen externen Anbieters liegen.

Diversifizierung in der Praxis: Was eine Multi-Vendor-Strategie bedeutet

Digitale Unabhängigkeit heisst nicht, jeden Dienst zwingend selbst zu hosten. Es bedeutet, die Abhängigkeiten bewusst zu streuen, ähnlich wie bei der Kundenbasis.

Ein paar Bausteine, die in der Praxis funktionieren:

Multi-Vendor-Ansatz statt Ein-Anbieter-Lösung. E-Mail, ERP-System und Office-Anwendungen werden getrennt betrachtet und bei Bedarf auch getrennten Anbietern zugeordnet. Fällt einer aus, sind nicht automatisch alle Geschäftsbereiche betroffen.

Eine vom Hauptanbieter unabhängige Backup-Strategie. Die Datensicherung läuft nicht über dieselbe Infrastruktur wie der produktive Betrieb. Nur so bleibt im Ernstfall überhaupt ein Zugriff auf die eigenen Daten möglich.

Schrittweise Migration einzelner Bereiche. Ein mögliches Szenario: Die Office-Administration wird über Nextcloud abgedeckt, während im Office-Paket selbst ein Proof of Concept zwischen LibreOffice und OnlyOffice läuft. Zusätzlich wird der Fork EuroOffice mitgeprüft. Im Zentrum solcher Tests stehen oft weniger die offensichtlichen Funktionen, sondern Detailfragen wie die Kompatibilität von Vorlagen und andere versteckte Abhängigkeiten zum bisherigen System.

Fazit

Eine breite Kundenbasis gilt als Selbstverständlichkeit für ein stabiles Geschäft. Bei den eigenen Lieferanten und Systemen wird dieselbe Logik erstaunlich selten angewendet.

Wer das eigene Klumpenrisiko bei der Lieferantenwahl ernst nimmt, denkt nicht in „alles oder nichts“, sondern in bewusst gestreuten Abhängigkeiten. Mehr dazu, wie ein solcher Weg in der Praxis aussehen kann, haben wir bereits im Beitrag Kann man überhaupt digital unabhängig werden? beschrieben.

Wir begleiten Unternehmen bei genau diesem Schritt: von der Analyse der bestehenden Abhängigkeiten über die Auswahl geeigneter Alternativen bis zur schrittweisen Migration. Wir beraten Sie gerne und testen zusammen mit Ihnen die geeignetste Lösung für Ihr Unternehmen.

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